Poetik für den Vorwand.

Samstag, 2. Mai 2015

Wurzel, Stamm, Laub (Prosa)

Bäume sind ihr einziger Anhaltspunkt, ihre Inspiration, für sie ist ein Wald die vollkommenste Galerie der Welt. Sie starrt gerne auf Bäume während langen Autofahrten; sie liebte das Vorbeischwirren all ihrer Sinne, die in den Bäumen gefangen waren, dort oben in den Kronen thronen mochten.
Ihre Gefühle, so weit es denn ihre sind, passen sich den Bäumen an, wechseln ihre Färbung wie die Blätter jener wunderbaren Geschöpfe, jener wunderbaren Spiegelbilder. Sie kann keinen Unterschied, keine einzige Differenz zwischen sich und Bäumen ausmachen; ihr Stamm, ihre Wurzeln als Mensch sind unantastbar, ihre Krone mag sich nach außen wechseln. Sie liebt Bäume, sind sie doch ihre besten Bekannten.
Und sie denkt: Vielleicht würde sie, synchron zu Bäumen, wachsen, vielleicht endlich weiter blicken können. Vielleicht würden sich ihre Äste endlich Ausschweifungen in neue Richtungen erlauben, vielleicht Platz für neues Leben schaffen.
Bei jedem Überfahren der Baum-Texturen mit ihrer Hand spürt sie sich - und doch ist sie nicht abgeschlossen. Ihre Baumkrone ist reich an Wuchs, jede ihrer Früchte eine neue Wurzel.
Und sie spürt ihre sanfte Kooperation mit ihrer Sonne, mit ihrem Bodem, mit ihrem Wasser - sie kennt all diese Dinge, sie sind ihr allesamt in ihren bunten Erscheinungen bewusst. Sie will sie, sie braucht sie, genauso, wie sie andere Bäume benötigt.
Aber manchmal denkt sie, sie wäre lieber Unkraut auf Steinen.

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