Manchmal hatte er Angst, in das Wasser zu gehen. Das Ertrinken fürchtete er womöglich nicht, doch wer würde ihn beobachten, wenn er ertränke? Wer würde seit Langem müde Lider erheben, sich ein Starren, ein Realisieren der Not seines Momentes auch nur erlauben, wenn als warme Alternative jener blendender Sonnenschein abseits dieses stürmischen Gewässers aufragte, Freude beschien und durch den Schattenwurf ja gar jenes Wasser zusammen zucken ließ angesichts dem Begreifen seiner eigenen Kleinheit?
Seine nackten Füße befanden sich auf dem felsigem Vorspiel des Wassers, ein Strand, dessen Härte jede Illusion an einen wohligen, der Erholung dienenden Ort zerschmetterte, ähnlich dem Schauspiel, wie sich die Wellen auftürmten, wie sie all ihre Energie und Gewalt aufwendeten, nur um sich selbst zu zerschlagen und zu zerreiben an dem Gestein. Und vielleicht konnten sie doch noch Teile des Steines mitnehmen, zu einem Teil von sich machen - aber es war beschwerlich, und der Lohn fragwürdig.
Jedes Wasser hatte seine eigene Farbe, jedes Wasser unterschied sich von anderem. Vielleicht wurde diese Farbe produziert durch die Algen, dem Morast, die heruntergefallenen und sich langsam im reizendem Wasser zersetzenden Sterne, die im Wasser dem Rost verfallenden Gedankenbruchstücke, leicht metallisch glänzend an manchen Stellen. Vielleicht wollte er auch ins Wasser steigen, um all diese Dinge zu packen, zu ziehen, mit allen Kräften zu ziehen, und den Weg zurück zum Ufer zu begeben. Nur war es nicht wahrscheinlich, dass er jenen Akt der totalen Verzweiflung (musste er nicht gar für manche Dinge tauchen, um sie wieder an die Luft zu bringen?) nicht durchstehen würde? Dass das verfärbte Wasser seine Lungen füllen und ihn langsam ertränken würde? Und war das nicht sein geheimer oder vielleicht doch längst aufgetauchter Wunsch?
Und wer würde ihn beobachten? Wer würde sich in die Riege der Zuschauer begeben, wer würde ein Knistern der Emotionen erwarten können von diesem wunderbarem Schauspiel? Er wäre ohne Zweifel ein guter Schauspieler, wenn es denn endlich um sein Leben ginge. Er wäre zweifellos authentisch und einprägsam, und es wäre eine Exklusivvorstellung. Keiner würde die Bühne außer ihm betreten, doch wollte er es nicht anders. Welche Scham läge denn in ihm, würde jemand sein eigenes Wasser beschmutzen, verunreinigen und die ungeordnete Ordnung des Algen-Morast-Sterne-Gedankenbruchstücke, kurzum des braunen Ekels, stören?
Nach umfassenden Überlegungen (oder vielleicht doch minutenlangem ausdruckslosem Starren auf die Wellen) rannte er ins Wasser und ertrank bitterlich. Ohne Zuschauer. Der Vorhang wurde zugezogen, der Applaus blieb aus.
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