Er drängte die Enkelkinder mit brüchigen Handbewegungen, kurzen Momenten des Aufleben scheinbar, zu sich, näher zu sich in diesen Minuten des vielleicht letzten gleichgültigen Starren aus dem sich neben ihm befindlichem Fensters. Sein Blick schweifte von einem Baum zum anderen in diesem weitem, verdichtetem Wald, in diesem beschützendem Konstrukt, durch das niemand sehen konnte. Niemand sehen wollte.
„Niemals nahm ich an, ich würde mein Leben jemals so betrachten“, begann seine zittrige, jede raue Textur im Raum in sich vereinende, mit dem kalten Wind der Außenwelt, auftreffend auf die Wärme des menschlichen Körpers, zusammenführende Stimme, „nein, niemals nahm ich damals an, wie sich all diese Szenen, all diese Bilder verdichten würden. Das Leben ist eine Radikalität, ein Wegstreichen all jener Füllwörter, die doch so oft erst die Lücken füllen, die nicht leer gelassen werden sollten. Eine Korrektur auf den Kern, eine starre, kalte Zusammenfassung ohne Details - ich sehe mein Leben bereits in der Verdichtung, und ich sehe, wie diese Verdichtung mühsam versucht, mein Leben noch ein wenig zu halten. Doch ich spüre auch, wie diese Verdichtung bröckelt unter seiner eigenen Last. Längst konzentriert und doch zu ausschweifend, immer wieder ins Boot steigend, das mit der eigenen Insel verbundene Seil kappend, losfahrend - aber weder die eigene Kraft für die Ruder mag reichen, noch wird der Wind einen unterstützen in seinem Vorhaben, in seiner wilden, jugendlichen Intention. Die eigene Insel ist erkundet, die Gefahren erkannt, wenn auch nicht gebannt - aber entfernen wird man sich nie.“
Seine müden Augen, zu weise, um Erkenntnisse zu sehen, schlossen sich immer wieder langsam, und er legte seine kantigen, knochigen Hände zusammen, bevor er erneut ansetzen wollte. Ein leichtes Husten erstarrte die Luft, die Kinder drängten, er müsse doch weiter reden.
Er blickte langsam auf sie, ohne seine Gesichtszüge merklich zu verändern.
„Meine Säulen werden brechen, die sich davor so stolz darauf emporragende Statue wird fallen, der Kopf zuerst abbrechen und über die Steine des in Vorahnung erbauten Gedenkplatzes rollen. Und er wird stoßen gegen die Gedenktafel, die versucht, diese eingestürzten Säulen zu beschreiben in Wörtern, und der Kopf wird einen tiefen Riss bekommen. Und nun versuche auch ich, all diese Dinge zu verdichten, nun versuche auch ich, einen Fluss in einen Teich umzuformen - und mich würde es wundern, gelänge es mir auch nur im Ansatz.“
Seine Augen-Lieder schlossen sich langsam, sein Atem wurde ruhiger, kontrollierter, gefasster, dann unregelmäßiger, aber dennoch in einer ewigen, tiefen Ruhe, kurzzeitig ein Ebenbild der Raumluft. Die Kinder zerrten an seinen Beinen, eines deutete auf ein Bild eines auf dem Wasser treibendem Bootes an der Wand hinter dem Großvater, verlangte nach mehr Erklärung. Was sei seine Insel, wo ist sie?
Doch dieser verdichtete Mensch zeigte seinen letzten Vers.
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