Poetik für den Vorwand.

Freitag, 22. Mai 2015

Der Künstler-Mord (Prosa)


Seine Heimat, sein Raum der Lebensluft, seine sakrale Höhle, ölige Gerüche und weite Farben-Spektren, ein buntes Treiben, Zerreiben der Farbpartikel auf unbeeindruckten Leinwänden, Konturen verschwimmen hier und da, Konturen scheinen scharf und ausdrucksstark, sie schneiden in Papier wie Messer, und er war gerne der Messerwerfer - nur stumpfen auch scharfe Messer ab.
Große Fenster in seinem Atelier, zwei an der Zahl, ermöglichten ihm einen weiten Blick über Straßenvenen und pulsierenden Plätzen, herum irrenden Personen, die Blutkörperchen, die ihm (er war gut sichtbar durch die weiten Glaswände) und seinen Werken einen kurzen Blick zuwarfen, sich aber nur allzu schnell wieder abwendeten, ihren Gang beschleunigten, ihre gefüllten Einkaufstaschen mit allerlei kantigem und farbigem teilweise nur mit Anstrengung trugen. Keiner von diesen Menschen könnte in seinem Alltagsstress auch nur ein paar zusätzliche Sekunden zum Bestaunen der Handführungen auf den Bildern, der detaillierten Züge, kraftvollen Farben entbehren. Manchmal schwirrten sie zu ihm, ohne Frage, und wenn sie es taten, dann spürte er es im kompletten Körper, und plötzlich schien sich sein Kopf in solchem Momenten in alle Richtungen ausbreiten zu wollen, als sei er endlich an die Luft gekommen, raus aus diesem kleinem, stickigem Atelier.
Für das Betrachten des Großteil der Bilder fand aber auch er keine Zeit - und doch sah er sie täglich. All diese wunderbaren Gesichter, die er in ihren Momenten einfing, wie er ihre Gesichtspartien bis auf kleine, scheinbar unwichtige Details ausführte, wie er sie beschrieb in fließenden Farben-Worten. Manche sprachen begeistert zu ihm, er bringe mehr Leben auf Leinwände als der lebendige Schauspieler auf die Bühne, und er glaubte keinem von ihnen auch nur ein Wort, spie geistig gegen sie aus, wollte nach ihnen treten und seine Kunst nicht selten nach ihnen werfen.
Und doch zeigte er so oft auf seinen langen Reisen als Maler seinen Dank für jenes Lob, verneigte sich vor dem Publikum scheinbar tief und ehrlich, genoss Brandungen an Applaus, die seinen steinernen Körper äußerlich nach und nach zu zersetzen und innerlich auszuhöhlen drohten.
Zu begeistern waren diese Menschen oft auch durch gleißende Farben, durch bunte Szenen ländlicher Gegenden, wie oft bewegte er sich außerhalb seines Ateliers, wie oft strömten Menschen und manchmal der Regen, um jeden seiner Pinselzüge zu verfolgen, um seine Präzision und Illusion zu bestaunen. Er war Magier auf untypischen Bühnen, und führte ihnen Tricks vor, dessen Erfindung nicht selten nicht seinen Fingerspitzen entstammt und dessen Ausführung ein jeder mit genügend Zeit, genügend Wille zur Unterwerfung unter die Kunst erlernen könnte. Aber jedem das Brot nach seiner Tat, und Taten gäbe es genug, und wer solle sie alle unter einen Hut bringen, so hatte er oft gehört.
Und so bannte er sie mit Farben auf Leinwänden, spannte ihre Umfänge ins kleinere, fassbare - und die Menschen entrissen es ihm, seine Hände konnten oft nicht lange halten, was er denn da geschaffen hatte.



***


Er musste Ordnung schaffen in seinem Atelier, schwere Holzgestelle packen und die Werke in Reihe stellen, fein geordnet, ein breiter Gang zwischen Porträt und Landschaft. Fast wollten die einen auf die anderen blicken, und fast konnten die anderen nicht ohne dem einen existieren, als sei die Schönheit der Landschaften an den Augen dieser starrenden Porträts gebunden.
So schaffte er langsam und behäbig in seinem doch recht hohem Alter einen Gang zwischen den Reihen der Bilder, packte jedoch einige zur Seite, nein, zerrte sie mit einem Krallen in sie hinter seidenen Vorhängen, die nur wenig erahnen ließen, vielleicht blasse Umrandungen der Stative, auf denen sich seine Werke befanden. Wie gerne hätte er sich während der Ausstellung neben sie hinter dem schützendem Vorhang, dem leicht zum Sturz führbahrem, aber schwer im Dickicht der Farben entdeckbarem Wall, versteckt.
Aber doch wurde er das Porträt der Ausstellung, welchem unbestreitbar am meisten Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Und sein Zeichner verstand es, starre Inszenierungen wie im Fluss erscheinen zu lassen. Er war doch ein großer Künstler.
Kurzzeitig erfreute er sich fast schon am Anblick, wie die Mengen durch die Gänge flossen, wie sie all seine ausgestellten Werke (und vor allem ihn) umspülten, diese Fremdkörper, ihm die Hand zur euphorischen Gratulation reichten. Doch verriet der genaue Blick Details, die ihn von seinem Schauspiel abbrachten. Wie sie Porträts und Landschaften mit starren Augenhöhlen betrachteten, wie sie etwas suchten, was sie nicht finden konnten in fremden Gesichtern und Hügeln, Nasen und Seen, Ohren und mühsame Darstellungen der stürmischen Bretagne.
Und wie sie allesamt missachteten, in welchem Zustand sein Atelier sich befand, längst der Verrohung und Zersetzung ausgesetzt, ein sterbender Körper, letzte Atemzüge, ein leichtes Aufblasen der Lungen, ein gequält langes Ausatmen.
Und wie sie stattdessen auf die Gemälde stürmten, diesen euphorischen, Farben in die Umgebung pumpenden Zentren im Raum. Wie sie sie fühlen wollten mit Händen und Augen, und wie sie sie im infolge dessen abkauften und hinaus trugen, nicht ohne einen Stolz, einem zufriedenem Lächeln, das die Lippen umspielt, eine Maske, dem Schauspiel nur zu angemessen.
Wie sie sie aufhängten an einem kurzen Galgen in ihren Räumen, fast schon mit einem Erstaunen auf die Unterschrift des Künstlers blickten. Und mit Verärgern nach einigen Wochen feststellten, dass die Farben langsam verblassten.
Aber dachte er im Moment an das Stimmengewirr um ihn, an die versammelte Presse, im Begriff, Fotos der Bilder zu schießen, sie in schwarz-weißen Impressionen abzudrucken und zugänglich zu machen. Und schon bald vergaß er den Vorhang im Zuge eines herrlichen, schnellen Rausch.



***


Nach Ende einer jeden Ausstellung rostete sein Inneres, sein wertvolles Metall kam nach Abgang all dieser erfreuten, regelrecht berauschten Personen in Kontakt mit der Außenwelt. Sanfte Schichten türmten sich auf seinem Geist.
Er begann, schwere Stative anzuheben und in ihre alte Unordnung zu ordnen. Gänge aufzulösen, sie noch vor kurzem zu ihm führten, und Wege zu versperren mit seinen Werken, ließ Porträts nicht mehr Landschaften anstarren, sondern seine kahlen, weißen Wände - die Landschaftsgemälde jedoch stellte er vor die großen, im Moment mit Licht durchfluteten Fenster.
Und langsam bewegte er sich auch auf die seidenen Vorhänge, fuhr sanft und mit Bedacht über sie, bis er sie entschlossen, ja fast schon mit Gewalt zur Seite schob (sie waren beleibe nicht leicht mit ihren schweren Stoffmassen, die ohne jede künstlerische Inspiration, die man doch sonst erwartet hätte, von der Decke hingen) und mit einer Mischung aus einem schnellem Zurückweichen und einem Lächeln die sich dahinter gähnend und gelangweilt auf Stativen befindlichen Werke sah. Er starrte kurz auf sie, meinte fast, sich in einigen reflektierenden Farben kurz erkannt zu haben, und trug sie in den großen Hauptraum seines Ateliers. Schub seine anderen Werke, seine Porträts und Landschaften, weiter in die Seiten, nein, er öffnete gar kurz eines der Fenster und begann, einige der alten Werke, die nötigen Platz beraubten, mit sich in einem Moment entladener Wut auf die Straßen zu schmettern (er wartete nicht auf Reaktion der Menschen dort unten). Nun war jeder Zug von einem Bildergang vollkommen zerstört, und er eilte, ohne auch nur daran zu denken, dass Fenster wieder zu schließen, zu seinen anderen Werken zurück, jenen Bildnissen, die weder einem Porträt noch einer Landschaft gleichen mochten.
Er stellte sie säuberlich in Reihen, schnell und ohne große Überlegungen, all der Bedacht, den er bei vorigen Bildern anwendete, verrauchte in schnellen Bewegungen seiner Handlungen. Als er wieder Gänge geformt hatte, als er all diese Bilder in Reihen und in scheinbar unvertretbaren Anordnungen sah, so wunderte er sich, warum er den Anblick der Menschen vermisste. Und so trat er selbst durch die Reihen und versuchte, seine Bilder zu betrachten, zu erfahren, und scheiterte an diesem Kunststück.


***


Er setzte sich müde und entzerrt auf seinen beliebig platzierten Klappstuhl, und betrachtete das Treiben aus einer kleinen Entfernung. Seine Erschöpfung der letzten Nacht, in welcher er die Gänge ausbaute und weitere Bilder malte, mehr und mehr Porträts und Landschaften aus dem Atelier verband und durch seine anderen Werke ersetzte, drängten ihn fast in einen gleichgültigen Schlaf, und doch hielt ihn ein kleines, konstantes Erlebnis der Spannung wach, kleine Adrenalinstöße, ein fast nur bei genauer Konzentration spürbares Pulsieren in ihm, in seinem Herzen.
Und fast hatte es ihn gewundert, wie viele sich einfanden, wie viele nun durch die Gänge strömten, wie viele nun auf seine Bilder blickten. Und auch wenn er es nicht anders erwartet hatte, so verwunderte und schmerzte es ihn doch, dass nach einigen Stunden bereits der Großteil die Ausstellung verließ, ohne ihn auch nur anzusehen, geschweige denn zu gedenken, mit ihm über seine kantigen, farbigen, neuen Kreationen zu reden. Aber umso mehr begeisterte ihn der Anblick derer, die auch nach Stunden nicht genug von seinen abstrakten Darstellungen, die es so noch nicht zu sehen gab, ohne klare Linienführung, ohne klares Objekt, mit viel freiem, weißem Raum auf den Leinwänden, nicht aus dem Atelier wichen, es war vielleicht eine Anzahl von sieben bis zehn Personen. Und wie sie letztendlich, fast wie durch die Gänge gelenkt, zu ihm strömten und ihm um Preise für die Werke baten. Sämtliche Werke verkaufte er, am nächsten Tag wolle man sie abholen.


Noch am selbem Abend durchstach er diese Werke mit seinen Pinseln, trat sie, löste die Gänge auf, setzte kurz an, legte neue Leinwände auf die Stative, um neue Werke zu schaffen, zeichnete wirrer und unkontrollierter als zuvor, kolorierte in Wut, in Rot - und beinahe hatte er sie fertiggestellt, beinahe neue Gänge entworfen, neue Anordnungen geschaffen, da begriff er, was er tat, und zerbrach all seine Pinsel in unregelmäßigen Formen, zertrümmerte all seine Stative und Leinwände, schabte sie zusammen in die Mitte des Raumes, riss den Vorhang herab und spannte ihn mit Gewalt über den chaotischen Haufen, übergoss ihn mit all seinen Farben (nicht wenige Ölfarben waren darunter) und zündete an.

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