Ein kleiner Raum, Orgelklänge füllen jene Leere, die "Stille" schreit. Sie wird gewaltsam ihrem Wunsch entrissen, wird gewaltsam durch die Hand des Künstlers, nicht selten der Künstler verformt und neu präsentiert, jetzt als neue obskure Kreatur der "Musik" - ein wirres Stimmengewirr, überlagernd und sich vielleicht hier und da ergänzend, ein undurchsichtiger Nebel, dessen Partikel doch manchmal mit der bloßen Hand aufzufangen sind.
Wellen, anschlagend an Stein, erschütternd, ihn aushöhlend - seine Musik war Gewalt, eine rohe Intensität, konzentriert auf kurze Spannungen, auf ein Entladen. Manchmal verlogene Harmonien, manchmal offensichtliche Konflikte. Doch er wollte sie nicht befreien.
Er spielte in kleinen Räumen, schloss Türen, Fenster, jegliche Öffnung, erste Akkorde, erste Wellen schlugen gegen die Wände, schlugen zurück, ließen ihn kurzzeitig taub dort. Und endlich konnte er absolute Stille genießen, endlich, da er sich nicht nach außen öffnete, fühlte er Stille, endlich, keinerlei Stimmen, keinerlei Verfärbungen des einzigen, was er wirklich wahrnehmen musste.
Er wollte sich als Zentrum dieses Schlachtfeldes begreifen, er wich keinem Klang aus, mochte er noch so durchfahrend, sein Fundament brechend sein. Seine Musik war nur für ihn geschaffen, und er wollte endlich taub werden. Blutansammlungen in seinen Ohren lies er trotzig in Taschentüchern aufsaugen, Schmerzen begrüßte er mit einer herrlichen Ignoranz, schluckte sie hinunter in seinen monotonen Basskörper und stieß sie als zusätzliche Stimme seiner Einsamkeitsmelodie wieder aus.
Seine bald darauf folgende Taubheit nahm er als Start einer neuen Komposition war, jene der unbrechbaren Stille, jene des Nichts. Und auch musste die Stille nun nicht mehr schreien. Schließlich sah sie sich nicht mehr gezwungen, den schrecklichen Gesang des Menschen zu bekämpfen.
Poetik für den Vorwand.
Montag, 4. Mai 2015
Der Organist (Prosa)
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