Poetik für den Vorwand.

Montag, 25. Mai 2015

Schutzplanke [Zersetzung II] (Prosa)


Ununterbrochen verbrachte sie ihre Abende vor jener Schutzplanke, nahe an Staublinien, die als Straßen dienten, oft umher wirbelnd und Dinge einnehmend, Sandpartikel als schleifende Diamanten.
Ihr Weg führte zwanghaft durch den naheliegenden Wald, dessen Arme in ihrer Betrachtung der Schutzplanke scheinbar ächzend versuchten, zu ihr zu reichen. Und hier und da mochte ein Ausläufer des Waldes auch ihren Körper berühren, sanft greifen. Und doch nahm sie an, die Schutzplanke sei ihr Objekt der Betrachtung. Doch beleuchteten ihre Gedanken dieses doch scheinbar so deplatzierte Gebilde, hinter dem sich ein gähnender Fluss, recht gerade und linear in seiner Form, aber scharfe Konturen bedeckt an jeder Ecke und an jedem Ende von allerlei Gewächs, einer breiten, grünlichen Decke, ausbreitete. Doch strich sie immer wieder während ihres starren Sitzen vor dem Objekt mit ihrer Hand über die raue, spröde, mal schreiende, mal friedlich den letzten Schlaf beginnende Oberfläche, und bemerkte nicht, wie diese manchmal ihre Haut ebenfalls zart aufraute und in der Nacht, wenn sie stärker und ohne eigentlichen Willen zu dieser Tat gegen die Texturen der Schutzplanke mit ihrer Hand drückte, teilweise gar zum Bluten brachte.
Die Schutzplanke war sich ihrer Funktion anscheinend immer noch bewusst: Sie traute sich nie über die Planke, nie weiter in die sich dahinter befindliche Natur, auch wenn sie hin und wieder mit dem Gedanken spielte, in dem Fluss zu baden, die Hitze des ihre Bewegungen erlähmenden Sommers hätte sie so vielleicht ein wenig entgegenwirken können. Doch wie könnte sie nur im Ansatz diese Schutzplanke überwinden? Und doch: Wie konnte sie den Anblick dieses endlich seiner Klarheit entledigten, ja zerflossenem, endlich durch grüne Farbkreise (sie dachte, auch Muster erkennen zu können) bedeckten Wassers ertragen, ohne in diesem zu sein, ohne Teil von diesem zu werden?
Und so sah sie jeden Abend die Schutzplanke an in all ihrer verzerrten Klarheit. So saß sie, natürlich nur abends, wenn die Sonne langsam im Begriff war, ihr Strahlen aufzugeben, wenn ein Dickicht an Luft einer scheinbar klaren Note wich, wenn sie dachte, langsam verschwinden zu können in der allgemeinen Schwärze, die sie bald umgab. Und sie wunderte sich nicht, dass zu keinem Zeitpunkt ein Auto an ihr vorbei fuhr.
Und trotzdem: Auch wenn es hier keine Menschen gab, die sich zu der metallischen Schutzplanke bewegen mochten würden oder gar konnten, auch wenn es hier vielleicht sogar niemanden gab, der von dieser wusste - so sah sie die Planke jeden Abend in einem verschlimmertem Zustand, jeden Abend ein Stück weiter aufgeraut (sie fühlte sanft über jeden Teil des wohltuend kaltem Metalls), jeden Abend ein wenig mehr Rost, jeden Abend mehr Miniaturkrater, tief im Material, tief in den tragenden Eisensäulen der Planke, die seinerzeit mit Härte in den Boden gerammt worden sein mögen, nun aber bereits bei leichter Krafteinwirkung die Stärke in ihrem Stand verloren, ja zu einem Schwanken ansetzten, das sie als Gefahr empfand. Angst mischte sich bald bei jedem abendlichem Besuch der Schutzplanke mit in die eigentlich herrschende Vorfreude, zu sehen, was sie als reine Herrlichkeit begriff.
Und wie sie bei jedem erneutem Anblick von neuen Zeichen von Auflösung in einen leichten Schock viel, wie sie das doch eigentlich schon zuvor offensichtliche immer wieder neu auf einen ihren gesamten Körper durchfahrenden Stand hob. Und wie der Druck ihrer Hände auf die Oberfläche immer intensiver wurde, wie sie nach und nach in ein Pressen überging, eines, das jeden Zwischenraum der Luft zu ersticken schien. Und doch fielen an so manchem Abend in dieser schweren Zeit ihre Tränen auf die Schutzplanke, zersplitterten bei Kontakt mit der Kälte und Schärfe des Metalls in tausende Stücke, die umher flogen und sich auch in sie zu bohren schienen.
Ihre Besuche wurden länger, begangen früher und dauerten bis zu späteren Zeitpunkten als zuvor an. Schon bald verbrachte sie komplette Tage an der Schutzplanke, konnte das Glänzen dieser im Schein der Sonne am frühem Morgen betrachten, wenn sich ein seichter Film über Gräser, Unkraut und Sprieße in der Nähe der Planke gebildet hatte, der langsam über den Tag dahin zu schmelzen schien und die kleinen, immer wieder aufbegehrenden Pflanzen in voller Pracht so preisgab, die sich innerhalb von Tagen langsam, doch für ihr Auge unübersehbar um die Säulen der Schutzplanke schlängelten.
Anfangs war sie gedrängt zu dem Versuch, jegliches Kraut von der Planke zu entfernen, ja sie entriss es regelrecht bis zur Wurzel, versuchte, es auszutreiben - schließlich gehörten sie nicht zur Schutzplanke, nicht zu diesem so wunderbarem Objekt. Und doch schwand ihr Interesse an der Reinhaltung der Planke von Tag zu Tag, immer mehr überwucherten die grünen, starren Schlangen die Planke, während sie in ihrer Verzweiflung schwer atmend vor diesem Schauspiel saß und versuchte, zu begreifen, was geschah.
Sie bemerkte kaum, wie ihre Bemühungen für die Planke ihren Körperzustand nach und nach verschlechterte; all ihre Kleidung war in größeren und kleineren Teilen zerrissen, teilweise schon gar entzweit, kleine Stofffetzen besetzen den Staubboden. Ihr Gesicht wie ihre Hände bedeckt von Sand und Gräsern, Schmutz jeder Art, ein Husten setzte bald ein.
Ihr Essensentzug, den sie kaum registrierte in einem steten Fokus auf die Planke, auf die langsame Einnahme des Metalls von den Gräsern, zwang sie in eine Passivität, in ein leichtes Atmen und Starren. Ihre Wehr gegen all diese Dinge, die die Planke zu bedrohen schienen, verblasste, rauschende Farbpigmente, gegriffen und gepackt von der Sonne und in ihr ihre neue Heimat findend, ihr lebensförderndes Strahlen noch stärker erscheinen lassend.
Sie versank und versank immer mehr in ihre letzten Atemzüge. Sie wusste durchgehend, dass sie die Schutzplanke hätte umstürzen können in ihrer Schwäche und endlich Wasser hätte spüren können.

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