Ein Ticken ewiglicher Gewalt, ein Ticken der Verdichtung, Zusammenfassung eines ungelesenen Buches. Er brauchte dieses Ticken - ohne dem Ticken hatte er keine Orientierung, sein Kompass funktionierte nur durch Ticken, durch Abtasten, durch Fühlen fremder Oberflächen (ohne die Inhalte auch nur sehen zu können), er kniete nieder vor dem Ticken. Jenes Ticken war für ihn sakral, seine Religion (wenn er sich denn so etwas erlauben konnte), ein unglaubliches Wunder, Ausrichtung seines gesamten Lebens.
Er hängte in seinem gesamten Zimmern Uhren auf - große, kleine, fremde, neue, alte, Standuhren, alles präferiert aus Holz. Digitale Uhren vermied er - sie konnten nicht ticken.
Hier und da, würde es denn die Zeit erlauben, setzte er sich inmitten dieser Uhren, und hörte die lineare Symphonie seines Lebens. Er achtete auf jede Nuance, wusste, dass es keinen Dirigenten gab, dass das Stück immer denselben Noten folgte - und doch war jedes Ticken anders. Jedes Ticken neu. Ein letzter pulsierender Herzschlag der Welt, und er machte ihn auch zu seinem Herzschlag.
Manche Uhren mochten dem gängigem Metrum nicht folgen; er verachtete sie, schließlich verachteten sie ihn. Sein Leben war nichts anderes als Zeit, dem war er sich bewusst, eine begrenzte Zeit, die er wahrnehmen durfte. Ein Ausschnitt, rissige, instabile Impressionen in einen alternativen, kunstvollen Arthouse-Film. Wilde Schnitte wechselten sich mit minutenlangen Standaufnahmen, beide wunderbar intensiv und durchdringend.
Er dachte, er müsse nichts mit seiner Zeit anfangen - sie verdichte ihn von selbst. Und vielleicht hatte er Recht, wenn er im hohen Alter eine Empfindlichkeit in seinem Ohr entwickelte, die jedes Ticken aus vielen Metern Entfernung sofort wahrnahm. Ticken war die einzige Musik, die er erfassen konnte, das Ausblenden aller anderer Dinge war bald seine Tugend, sein Zustand der Perfektion. Endlich konnte er dem komplexem Ticken durchgehend folgen.
Uhren waren seine liebste Gesellschaft, stets bereit, ihren Lebensinhalt preiszugeben, stets bereit, seinen Lebensinhalt ihm preiszugeben. Wer von beiden mochte denn noch einen Preis haben?
Vielleicht war sein Leben doch nur die jahrelange Standaufnahme einer Uhr.
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