Poetik für den Vorwand.

Dienstag, 5. Mai 2015

Der Kuss (Prosa)

Ein knapper Raum, durchdrängt mit diffusem Licht, vielleicht Indiz einer euphorischen, übermütig durch das kleine Fenster dringeneden Sonne am frühem Abend - wie sie zum letzten Aufstreben alle Kräfte auf einen letzten Punkt konzentrierte, die sie doch zuvor so geschickt kühl ließ. Aber wer konnte schon mit bloßem Auge in sie blicken?
Betonwände, erhitzt durch Sonnenbestrahlung, schwüle Luft, Dichte, die bedrängte, erwähnte, das Ersticken langsam zu genießen. Angriff aller Seiten, keine Wehr im vom außen verschlossendem Bunker.
Der Kuss war Produkt vielerlei - keiner von beiden konnte ihn in seiner Gänze begreifen, und wie sollten sie auch? Das Licht mochte gerade genügen, um die schönen Züge des Gegenübers erblicken zu können; auf Schatten wollte man nicht achten.
Sie waren isoliert, genossen einen Moment der Zusammenkunft. Zarte Bewegungen, überall hinführend, nur selten zum Ziel. Vielleicht waren sie sich doch recht anonym, vielleicht kannten sie immer noch am besten sich selber. Und vielleicht wollten sie diesen unausgesprochenden Umstand nicht ändern, vielleicht erlebten sie in ihm einen sonderbaren Genuss, den sie nicht auflösen wollten, nicht konnten.
Sie lehnten sich rücklich an die Wände, wohin sollten sie denn ausweichen? Und vielleicht haben sie es auch geliebt, nicht ausweichen zu müssen - doch um einen solchen Frieden in einem scheinbar ewigem Kriege zu schaffen, sind Verträge nötig und oft komplex, verschachtelt, mit kleingedruckten Klauseln, und dem Offensichtlichem des Fließtextes - beides mochte man aus unterschiedlichen Gründen mit zu wenig Acht abhandeln.
Und vielleicht haben sie auch die Stille genossen, vielleicht die Tatsache, dass niemand außer ihnen diesen sakralen Moment miterleben konnte, miterleben durfte. Es war der Beginn ihrer neuen Religion, erbaulich und herrlich anfangs, bis die  Glaubensmaschine streikt (vielleicht Sabotage-Akt?), bis sich Protest regt. Und hatte nicht jede Diktatur bisher auch einen Feind?
Alle Distanzen schienen in diesem Moment aber verkleinert und unachtsam zusammengeknüllt, beiläufig und ohne Bedacht. Gefangen in einem vergänglichem Moment, ihr Wunder von Nazareth. Und die nicht abstreitbare Herrlichkeit dieses Momentes, dieses alles durchleuchtende Scheinen, dieses Durchdringen der herrlich hellen und warmen Sonne auch durch Beton - keiner wollte den Raum verlassen, keiner erwägte auch nur, in diese Richtung zu denken.
Ihre Küsse liefen auf Höhepunkte an, ihre Körper streiften und streichelten, virtuose Bewegungen, könnte man meinen, sie blicken in die Augen, und sehen auch immer eine leichte Spiegelung von sich in der Pupille des anderen. Und jede Bewegung endete auch immer mit einer Bewegung zu sich selber - ein herrlich warmer und weicher Kreislauf, der auch die schwächste Farbe zum Leuchten bringen würde. Bis auch sie dem Regen keinen Widerstand leisten könne.
Er spürte zur Sicherheit noch einmal an seiner Hosentasche; die Schatulle mit dem sich in ihr befindlichem Ring war noch an ihrem Platz.
Und es wurde Nacht. 

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