Er sah nicht selten Steinwände vor seinen Fenstern, wenn er über Verlust nachdachte. Nein, es war kein Stein, es war verdunkelter Himmel, der zeitweise ein Wett-Starren mit ihm ausrang, zeitweise ihn jedoch umhüllte in einer süßlichen Hülle der Melancholie, dem einzigen, das er nicht verlieren konnte.
Der Verlust lies ihn auch nach und nach den Verlust verlieren - jene Teile bröckelten von seinem Körper, von seinem Geist, wo sie doch zuvor so fest, so unzerbrechlich schienen, Felsen ohne jede Bewegung, auch wenn sie immer wieder von der Brandung ergriffen wurden. Ganze Steine fielen aus dem Gebäude, dem grotesken Konstrukt seines steinernen Verlustes herab ins Meer, das nicht selten nichts außer blaue, flüssige Masse war. Irgendwann, würde sein Haus des Verlustes komplett auf dem Meeresgrund liegen (wenn es denn einen Grund gab, schließlich konnte er von hier oben nichts sehen außer den Wasser-Massen), würde er hinterher springen, würde regelrecht hinterher eilen. Er brauchte nicht sein Haus, er hatte den Verlust verloren - und gerade dieser Verlust zwang ihn dazu, auch sich selber zu verlieren. Sich selber in der Masse zu sehen; er würde nicht wild paddeln, würde keine Versuche anstellen, diesen Verlust zu stoppen. Es war der endgültigste Verlust, den er nicht mehr zu fürchten hatte: Er würde nichts verlieren. Denn wie könnte er jemals etwas verlieren, das ihm nicht gehörte?
Er konnte sein Haus nicht um neue Steine festigen, er konnte herabgefallene steinerne Verluste in keiner Weise ausgleichen. Was hatte er sich denn überhaupt anfangs gedacht, ein Haus bauen zu können? Wie hatte er sich berechtigen können, Steine zu nehmen und dort neu aufzuschichten? Hatte er nicht die steten Unwetter in der Gegend, das peitschende Wasser beachtet? War sein geistiges Haus schon längst versunken, musste er nun in einer anderen Ebene aufbauen, was er doch längst verloren hatte?
Er hörte ersten Donner, realisierte ihn beinahe mit einer obskuren Gleichgültigkeit. Er spürte den einsetzenden Regen. Er wollte nicht zurück in sein Haus, spürte eine Fixierung an seinem Punkt, seinem neuem Zuhause. Er wollte einen Verlust, um endlich sein zu können, was er eigentlich war.
Er bewegte sich nahe den Klippen. Ein beidseitiges Starren begann. Er hatte gewonnen. Viele Steine verschwanden noch im Wasser, nur ein grobes Fundament seines Hauses stand noch. Er wartete ein paar Donnerschläge ab, spürte den intensiven Bass, der seinen kompletten Körper zucken lies, atmete die letzten Male jene frische Regenluft ein, und sprang.
Der größte Verlust ist, in der Gefahr zu schweben, etwas verlieren zu können.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen