Poetik für den Vorwand.

Samstag, 17. Oktober 2015

Was der Philosoph macht (Prosa)



Matter Sonnenkegel (vielleicht auch nur im Fall stehengebliebende Laubhand) wirkt auf gereinigten, von sämtlichen Striemen und beißenden Funken befreiten Gläsern warm, wirkt als Winken ohne Handlinien, anfassbar mit genügend Anstrengung, so sagt und feiert man.
Ich wage nicht zu bezweiflen, dass meine Harken, seit einigen Jahren meinen Körper mit Ächzen tragend, durch ihr schimmerndes Metall ähnliche Anträge an die Herbstsonne suchen. Und auch wenn die kurzatmigen Zacken des silbernen Blattes, mit deutlichem, markierendem Übergang zum im Vergleich zu Harken, die ich zuvor nutzte und sah, viel zu dickem und unhandlichem (schließlich waren sie ein Ersatz für meine Schenkel, meinen Schoß, dort, wo sich die stämmigen Äste am deutlichsten verdickten) Holz, oft mit Schmutz meiner unermüdlichen Arbeit teilweise verdeckt waren, so trug ich doch noch in Schlägen und Falten meines Oberkörpers Hoffnungen auf eine den Winter begleitenen, ja vielleicht sogar liebkosenden Sonne; sie würde meine Arbeit erleichtern, nahm ich an.
Vogelstimmen formen nie einen Takt, und dementsprechend war auch meine Tätigkeit von Unregelmäßigkeiten bestimmt, was von manch einem Außenstehenden aufreizend oder zumindest zum Spaziergang gegen Windstärken anregend betrachtet wurde. Oder vielleicht rührte diese Aufmerksamkeit generell auf meinen Anblick, mein Angesicht, vielleicht war ein genaues Studium meines Klapperns Kerndisziplin und aufregender als der Tod, der doch eigentlich angestrahlt wurde mit Leuchtkraft tausender Kreissterne in den Nächten.
Denn nur der Tag erlaubte mir das Schneisenziehen zwischen den Gräbern, das Umwälzen des Sandes und das Erschließen von unruhigen Spuren, sich teilweise überschneidend und so selbst schließend, nasse Dühnen. Aufgrund meines unkoordinierten Arbeitsstiles schüttete und rappelte ich den Sand, nahm ihn in Kellen und spuckte ihn mit meinem Harkenwerk. Dieser schwärzliche Sand, unrein und sehr schön anzusehen in seinen Verästelungen, begrub Gräber doppelt, wenn ich ins Rasen geriet, aus unterschiedlichen Gründen. Ich sah gerne aus gewisser Distanz zu, wie Reisende jenen Sand wieder behaglich und ruhig, mit durchaus entspannten Muskeln, aber hartem, erregtem Gesicht auf die Schneisenwege, die Gassen zwischen den Grabmarktplätzen, schoben und so die nächtlichen Sonnen schluckenden Steinwände sauber hielten. Ihre Wanderung setzten sie mit frohem, scheinbar bedachtem Schritt fort, sie schlenderten und fuhren in Seitenstraßen dieses Komplexes, ihre breiten Sohlen, die ich über die Jahre hinweg zu betrachten lernte, zerrieben mein Werk und gaben mir so erst den immer wiederkehrenden Ursprung eben dieser Arbeit; hier und da, an besonders kalten Tagen, wenn keinerlei Reise auf dem Platz unternommen wurde und meine Wege sicher gefroren waren, bedankte ich mich still und außer Sichtweite und mit mir durchaus bewusster Absicht, neue Wanderungen zu provozieren, indem ich Blumen auf die Steinwerke (die ich immer noch nicht ganz verstand) stellte und für deren Fortleben sorgte.
Und erst über viele Jahre des Beobachtens und der Betrachtung aus den Winkeln, zu allen Jahreszeiten, bermerkte ich, dass die ehemaligen Urheber meiner Arbeit selbst unter Steinplatten schlafen werden. Ich konnte nur hinter Glasscheiben meines kleinen Hauses, verdeckt hinter Ästen auf dem Platz, mit dem Kopf schütteln. Ich wusste, ich werde mehr Zeit haben als sie alle, was mich zum Stöhnen zwang.  

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