„Dort, wo die Sonne glänzt, da solltest Du noch ein wenig mähen - Du musst fester greifen!“, so der Presslufthammer am Ufer, fest in seinem Stand auf erhitzten Ziegelsteinen, die er, wie er immer wieder gerne erwähnte, eigenhändig gelegt hatte. Oft zog er mit seinen Augen die Steinmuster nach, und ergötzte sich an der Perfektion, die jeden einzelnen Stein als schützende Membran umgab. Doch durfte der Blick im Moment nicht vom Sohn weichen.
Oft ist das Massaker schwer zu fassen, es sind ja nur Grashalme, ihr gelegentlicher Richtungsdeut - die Autopsie hatte angemerkt: Ja, der Rasen war einst Hochkultur. Aber wer wissenschaftlichen Berichten über Gras Glauben schenkt, der könnte sein Gesicht ja gleich zwischen Grashalmen und Sand pressen und beobachten, wie oft sie schlagen würden in ihrer Wut als Grashalmen, wie sie sich denn verrenken, entwurzeln müssten, um der Klinge des Rasenmähers zu entkommen. Der könnte ja gleich bei dem Versuch, jeden einzelnen zu zählen, versauern und das Bauen eines Hauses und eines schönen Gartens missachten, könnte ja gleich sämtliche Glieder und Blutbahnen in Kontakt mit der Grashalm-Botschaft treten lassen und vegetieren.
Der Sohn konnte solche Gedanken über Grashalmen schwer fassen - unter diesen Lauten von rauem Stein, die durch Pathos-schwangere Luft (die in ihrer Spannung aber nie zur Geburt ansetzen würde, denn schließlich musste sie jedes Mal sterben, schließlich glühen Kristalle nur auf dem richtigem Hintergrund) gefeilt, ja gezähmt wurden, dieser einstig raue Stein des Presslufthammers am Ufer, dorthin, wo er zurückkehren müsste. Vielleicht musste er diesen Ort auch überhaupt erst einmal erreichen, dort, wo neben dem Presslufthammer blau-gelbe Benzinkanister komplette Ölbilder in die Luft zu malen schienen und sich entspannt und gähnend, aber immer mit einem kleinem Bedrängnis auflösten. Dort, wo der Presslufthammer in seinem kariertem Hemd Rasen gerne observierte und hin und wieder, dass sah der Sohn mit besonderem Interesse, die Rasenhöhe feststellte mithilfe von Messbändern, die der kleine Sohn nie zuvor gesehen hatte und die äußerst befremdlich wirkten (vielleicht waren sie einzig für diese Tätigkeit bestimmt).
Er verstand nicht ganz, was der Presslufthammer erreichte, wenn er größeres Gras pflanzte, dass über den Zaun reichte, dass der Kleine von Weitem auf einigen Heimwegen bereits sehen konnte - wollte denn der Presslufthammer nicht, dass das Gras schön kurz bleibt? Wollte er denn überhaupt Gras? Da er sonst der Fragen an andere zu schüchtern war, bat er den Presslufthammer um Antwort. In solchen Momenten stand er direkt vor dem großem Presslufthammer, und seine Augen funkelten bei den Erklärungen gerne. „Mein Sohn, das ist kein Gras, das sind Büsche und Bäume. Große, kräftige Pflanzen. Und das Gras ... sie können nicht ohne Gras. Da geht es um Ästhetik, um das Gefühl des Gärtners. Das musst Du noch lernen. Aber es wird Dich irgendwann erreichen. Irgendjemand muss ja auch in Zukunft diesen Garten pflegen.“
Verständnis zeigte der Sohn für diese absonderlichen Erklärungen nicht - aber sein Vertrauen in den Presslufthammer wuchs in solchen Situationen. Auch hatte er bereits, wie der Presslufthammer, Wut spüren können gegen Spinnen (sie seien giftig in ihrer Erscheinung, sprach er oft, sie ruinieren die Natur, wie sie Dinge einfangen und für sich einnehmen) und deren allgegenwärtigen Netze, die der Presslufthammer stets vor dem Besuch, dem Einlauf anderer in seinen Garten zu entfernen pflegte. Und gerade in solchen Momenten spürte er ein wenig, was der Presslufthammer an seinem Garten liebte - wenn surrende Stimmen Glühwürmchen spielten in dem Versuch, den Garten und dieses wunderbare Haus zu beleuchten an lauwarmen Abenden. Der Presslufthammer war dabei stets am hellsten, und manchmal konnte nur er andere in Brand setzen, schließlich war es sein Garten. Und zu so einem Garten gehörte nun einmal auch das Gras.
Andere Gärten hatte der Sohn noch nie gesehen - warum sollte er auch? Ein Presslufthammer schafft den schönsten Garten, das hatte er gelernt, und so wollte er sich gar nicht erst enttäuschen lassen von anderen biederen Gärten, in denen vielleicht nicht einmal Gras wuchs. Und wenn, dann nicht so grünes und hohes, nicht so eines, das gemäht werden muss in einem wunderbar festem Rhythmus.
Denn, so dachte er mittlerweile nach den Wochen, in denen der Presslufthammer ihm das Handwerk des Mähens beigebracht hatte, Gras war doch auch zum Mähen gemacht. Wie sonst sollte er denn die Chance haben, zum Ufer schwimmen zu können? Wie sonst sollte er den Presslufthammer sehen in dieser prachtvollen Erscheinung?
Der Sohn drückte fester, schob seinen schwerfälligen, mobilen Amphibienpanzer. Vielleicht noch den gesamten glühenden Nachmittag seines Lebens. Denn Rasen muss gemäht werden.
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