Poetik für den Vorwand.

Mittwoch, 29. April 2015

Kalte Wände (Prosa)


Er mag Wände, egal, aus welchem Material sie nun bestehen. Wände regen ihn an, die Erregung der freien Luft in Schach zu halten, Wände sind seine Gesetze. Niedergeschrieben auf einem Tapeten-Pergament.
Fenster sind den Wänden hinderlich, Fenster durchbrechen die Wand und versuchen, neues darzustellen. Sie sind der Bruch einer lang andauernden Symmetrie, einer vollkommenen Ästhetik in seinen Augen. Nein, Fenster sind die Feinde der Wände, denn sie erzeugen ein falsches Bildnis.
Über Türen schweigt er gerne. Er mochte zwar hin und wieder mit seiner Hand über das Holz seiner Tür fühlen, die Klinge hatte er jedoch seit langem abgebrochen. Und, das hatte er geschafft, sie aus dem Fenster geworfen. Ein höchst schmerzhafter Akt war es, die Außenwelt war grausiges Inferno - die Vorstellung, seine Wände kämen von dort, ließen ihn sofortig erzittern, kompensiert durch die Vorstellung, welchen Wahn die Wände doch außen aushalten mochten - eine Bewunderung. Er denkt sich oft, er könnte das kalte Zischen und das Feuer draußen nicht ertragen. Was kannte er denn außer den Wänden?
Er liebte seine Wände, er gesteht es sich von Zeit zu Zeit ein - er liebte den Raum, ein leitendes Narrativ, so herrlich einfach und direkt, so human. Es war ein eigenständiger Kosmos für ihn, losgelöst von Gefahren, ein erbauliches Gefühl, hier zu existieren. Er wollte keine Gegenstände - sein Raum war der einzige Begriff von Perfektion.
Oft setzt er sich, betrachtet die Wände, fährt mit seinem Blick empor und hinunter, vertikal tut er das gleiche - und stets findet er selbe Muster vor, selbe Ausgangspunkte, selbe Ziele. Ein ewiger Lauf, keine Erschöpfung, niemand klagt. Und hört man doch leises Seufzen von der Last, so trägt die Seitenwand die Last mit. Der Ursprung der Last mochte draußen hocken in der Kälte. Und man durfte ihn nicht mit bloßen Augen sehen, wollte man sein blasses Augenlicht behalten.
Er liebte seine Wände. Und er wusste: Die graue Tapetenfarbe würde nicht blättern, und wenn, so sähe er einen Riss in seinem Himmel, durch den das jüngste Gericht hindurch brechen würde.

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