Poetik für den Vorwand.

Montag, 27. April 2015

Der Künstler (Prosa)


„Ich bin nur zu gerne einsam“, sprach der alte, vielleicht senile Mann (man konnte ja so wunderbar in seinen Kopf sehen), während er langsam, gemächlich die doch so verdorrten Hände ineinander faltete.
„Einsamkeit gibt mir endlich Zeit für mich. Ich habe aufgehört, mich im anderen zu suchen, und stattdessen endlich gefunden, was ich bin: Nichts. Vielleicht bin ich existent. Ein kleiner Teil eines großen, zusammenhängendem Gemäldes, vielleicht hat es einen abstrahierten Sinn, der sich uns widersetzen möchte, weil er nicht versteht, dass auch er nur Teil des Gemälde ist. Auch der Maler ist nur Teil des Gemälde. Und in dem Moment, in dem ich das Bild betrachte, mache ich mich auch zu einem Teil von ihm.“
Er starrte auf sein Bild.
„Vielleicht bin ich alt, vielleicht hört ihr mich nicht mehr, vielleicht höre ich euch nicht mehr. Vielleicht bin ich längst gestrandet auf einer Insel.“
Er setzte langsam den Pinsel auf, fuhr ein paar Züge. Dann starrte sein faltiges Gesicht aus dem Fenster, als würde er ein Objekt suchen.
„In Wirklichkeit male ich mich und doch nicht mich.“
Ein Zug an der Zigarre. Rauch, tänzelnd umherschweifend. Partikel, einzelnd durch das Sonnenlicht selektiert. 
„Sie müssen wissen: Wir, die Menschen, verstehen Kunst nicht. Wir wollen Dinge sehen, die ein losgelösten Sinn haben. Wir wollen Formen, Gegenstände, wollen Szenen, die doch auch einen Bezug zu uns haben könnten. Ach, wie könnten wir da auch nur Kunst verstehen! Wir sind längst alle auf Inseln, haben auf diesen Fahnen aufgestellt, äußerst hässliche übrigens. Und wir haben Angst vor Wasser. Wir haben grauenhafte Angst.“
Er setzte erneut die blaue Farbe auf und malte die nächste Welle, die bald die zierliche, kleine Insel verschlucken würde.

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