„Ist die See rein? Rein vom Gebein alter Tage, wo ist unsere
neue Lage?“
„Die See wird heute Abend stürmisch. Gesellen wir uns zu
einer Runde und erstarren beim Anblick der Schönheit derer, die in ihr
schwimmen werden. Doch mögen wir unsere Taubheit, unsere Blindheit und unser
fehlender Drang des Vorbeugens missachten wie die Kälte in dieser Nacht; mögen
wir uns rein und vollkommen ihrer Antlitze erfreuen, diesen Sternen, die im
nassen Himmel auftauchen.“
„So soll es sein.“
„Und siehe: Da kommen sie. Getragen von einer Wolke, die zu
herrlich scheint, als dass wir sie mit bloßem Auge anblicken könnten, nein,
dürften; wir müssen uns ihr beugen, dürfen die hochragende Pflanze nicht
fassen, und erst recht nicht die Wurzel berühren. Denn das ist ihr heilig, ihr
seelig, das sei zu schützen!“
„Auch wenn wir nie davon kosten mögen.“
„Worte vertreiben das schüchterne Tier. Sei und werde nicht,
was sie Deiner an Ketten auferlegen. Doch wir können es nicht begreifen.
Genießen wir das Schauspiel.“
Der Mond war die letzte Quelle. Aus ihr mochte alles
strömen, was wir in diesem Moment als Leben erfassen. Der Mond war unser
Brunnen, vielleicht doch ein leichtes Summen, ein entrüsteter Blick, dem Tode
ins Gesicht, und schon sprang er hinab ins Meer. Wer bedauert es sehr wenn
nicht wir, die Mondskinder in einer Nacht, in der wir die Strahlen unserer
Mutter am meisten benötigten, um unsere Sein und Werden zu beobachten?
„Lass uns tanzen“, sprach der Jüngling, hoch und erhaben, wo
verstecke er seine Gaben? Unter dem Gewand, tief unter dem Sand?
Wusste er, dass er alleine war am Strand? Dass die Wellen
das Metrum vorgeben mochten? Doch er zitierte nur Nietzsche: „Die, die tanzten,
wurden als verrückt von denen bezeichnet, die die Musik nicht hören konnten.“
Und seine Musik war vollkommen, er war einzig und rein, ein pures Sein. Er
brauchte nicht, was andere als notwendig empfanden, andere zu sich sandten, in
der Hoffnung, sich ihren Turm zu bauen zu ihrer Erkenntnis, die weit und fern
glitzerte, verlockend, gleich dem Golde, dass sie doch zerbrechen wollten mit
bloßer Hand.
Und er weinte. Tränen der Freude, die sich im Sand
vergruben, eigene Meere, eigene Universen bildeten. Und wie großartig sie doch
schienen! Und wie frei, zerstreut und watend, sich einen Weg bahnend, keine
Widerstände, wenn die Widerstände sich ihrer nicht bewusst sind. Wenn sie
keinen Zunder für den Widerstand verspürten, kein loderndes Feuer, dessen Hitze
auch den letzten zwingen mochte, sich zu erheben und die Saiten zu verstimmen,
eine Laute mit falschem Spiel. Und wann werden die Saiten reißen?
„Ein herrlicher Gesell.“
„Er versteht, zu sein.“
Und er verließ das Feld des Sandes, löschte die Schmerzen
des kalten Brandes aus, indem er, unwissend und komplett, in das Meer sprang
und sang. Laut, erhoben, frei, verschoben in eine Welt, die nicht zählt, kein
Urteil fällt, sondern die ihr Sein als Ziel begreift.
Und so mochte die Nacht fortschreiten.
Fortsetzung folgt.
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