Poetik für den Vorwand.

Montag, 13. Oktober 2014

Nebel

Der morgendliche Nebel schleicht umher, stiehlt, nimmt ein, was einnehmbar ist. Er versteckt die Welt vor sich selber, blendet unser Auge zum Schutze vor uns selbst. Er ist es, der uns schützt, uns reines Gewissen beschert, er ist es, der uns in unserem kleinen Kosmos schweben lässt; ist er ein Käfig? Der uns die Sicht versperrt, der uns die Sicht nimmt? Wir müssen ihn durchbrechen, diesen vermeintlich zarten, leicht tänzelnden Nebel, der uns mit seinem feuchten Kuss in Sicherheit wiegt, uns in unser Heim zurückkehren lässt, unsere Sicht blendet für Probleme der Welt. Er trügt durch seine dezente Schönheit, die mit unhörbarem Schritt umher tänzelt, die uns in Trance versetzt, benommen macht.
Doch kann man hinaus gehen, doch kann man ihn durchbrechen, den Nebel des verkleinerten Kosmos. Man kann ihn durchschlagen mit der bloßen Faust des geistigen Wollens, der Sehnsucht nach Freiheit und nach ewiger Liebe. Man kann durch ihn hindurch rennen, man kann die bessere Welt hinter ihm erblicken; denn sogleich man den Nebel durchschreitet, erfährt man die Wärme der unendlich gütigen Sonne. Sobald man den Nebel durchschreitet, umspielen herrliche Melodien das Ohr. Sobald man den Nebel durchschreitet, erfährt man die wahre Güte und wippt im Rhythmus der Vollkommenheit. Denn sobald man den Nebel durchschreitet, ist man frei.
Wer verweilen möchte in der Sicherheit seines Nebels, wer sich nicht hinaus drängen möchte in die Kälte, um das Wunderbare zu erfahren, der wird eingehen an seiner eigenen Seele und es nicht einmal bemerken. Wer keinen Drang, keine Sehnsucht danach, den Nebel zu durchbrechen, verspürt, dessen Hunger ist vergangen, dessen Löwe ist verhungert. Dessen Ideale sind nur blasse Abbilder ihrer Selbst. Er wird versinken in ewiger Belanglosigkeit. Vielleicht wird er die falsche Freude verspüren. Die Freude, die einem vorgibt, Freude zu sein. Die Freude des ewigen, materiellen Wollens, die Freude der Macht, der Versklavung der eigenen Person. Er wird den Nebel als schützende Decke empfinden, eine Decke, die Wärme spendet und Dränge der wahren Außenwelt abhält, den eigenen Geist zu berühren, zu inspirieren, tanzen zu lassen.

Doch wer den Nebel durchbricht, wird Leben erleben.   

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen